Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
01
.
06
.
2016

Mit Risiken umgehen lernen

Wahrnehmung und Beurteilung von Gefahren und Risiken sind außerordentlich komplexe psychologische Prozesse, weshalb die Ängste der Bürger von den verantwortlich Handelnden nicht als irrational betrachtet und subjektive Empfindungen nicht beiseite geschoben werden dürfen. Vielmehr müssen sie zur Kenntnis genommen werden, zeigen sich in ihnen doch Wertvorstellungen und Verhaltensmuster, nach denen Chancen und Risiken, Nutzen und Schaden wissenschaftlichen Tuns und technischer Entwicklungen empfunden werden. Diese zu erkennen ist ein wichtiger Schritt auf dem für eine Gesellschaft schwierigen Weg, mit den Risiken der Zeit vernünftig umzugehen.

Durch die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf das tägliche Leben haben wir unser heutiges Lebensniveau erreicht, uns mit ihrer industriellen Nutzung gleichzeitig aber auch auf Risiken eingelassen. Kritiker einer technischen Entwicklung betonen vor allem die Risiken, den Preis des Fortschritts, und sehen nur selten den Wert, den möglichen Nutzen. Wohingegen Forscher und Techniker vor allem ihren Wert betonen, den Preis hierfür aber oft übersehen. Leider weiß man im Moment einer Entscheidung für oder gegen eine neue Entwicklung nicht, ob man sich damit Risiken eingehandelt oder Chancen verpasst hat. 

Uns allen aber muss klar sein, dass Risiken niemals völlig auszuschalten sind. Wir dürfen Risiken, Zwischenfälle und Katastrophen auch gedanklich nicht ausklammern, sie müssen in unserem Sicherheitsdenken eine zentrale Rolle spielen. Immer müssen wir uns vorstellen, was passiert, wenn etwas passiert. Immer müssen wir abwägen und uns fragen: Wie sicher ist sicher genug, welche Risiken sind wir für Fortschritt zu akzeptieren, welchen Preis für Sicherheit zu zahlen bereit? Vielleicht hilft dies dabei, uns so zu verhalten, dass Katastrophen gar nicht erst eintreten. Und stets müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass zunehmende Techniknutzung zunehmende Risikoanfälligkeit bedeutet, dass eine technische Gesellschaft nur dann vernünftig funktionieren kann, wenn sie Risiken nicht nur beherrschen, sondern auch verstehen und akzeptieren lernt.

Jeder von uns muss in Zukunft lernen, seine eigene Sicherheit - soweit er sie beeinflussen kann - selbst zu verwalten. Für die Sicherheit aller aber muss der Staat Grenzen ziehen und Regeln aufstellen. Der hierfür notwendige Konsens kann aber nur dann entstehen, wenn jeder Einzelne versteht und akzeptiert, dass Risikobereitschaft und Zukunftssicherung zusammen gehören, dass es ohne Wagen keinen Fortschritt gibt.