Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
01
.
02
.
2017

Hören, Zuhören, Sprechen

Wer hört, der liest nicht

Dieses von vielen Lehrern und Buchhändlern gerne verwendete Argument ist unsinnig und durch nichts bewiesen. "Kinder sollen selbst lesen, nicht einfach faul zuhören“, heißt es. Dass wer hört, nicht liest, ist ein Argument, das immer dann vorgebracht wird, wenn man mit der Lesemotivation der Kinder nicht so recht weiter kommt und nach Ursachen hierfür sucht, wobei diese meist bei den Kindern, weniger bei den Erwachsenen gesucht werden.

Fernsehen in abnehmendem und Internet in zunehmendem Maße stellen heute, vor allem für Kinder im Grundschulalter, die größte Motivationsbremse fürs Lesen dar und sind zudem nicht zu unterschätzende Töter der Phantasie.

Mit Hören fängt alles an

Im Anfang ist das Wort. Für uns Menschen beginnt der Kontakt zu der Welt, in die wir hinein geboren werden, nicht über das Auge sondern das Ohr. Das Neugeborene hört die Stimme der Mutter bevor es sie sieht. Auch das noch Ungeborene hört schon. "Es ist das Ohr, das die Dunkelheit durchdringt, nicht das Auge“, sagen die ostafrikanischen Massai. Das Neugeborene kann hören und sehen, aber noch nicht sprechen. Das Sprechen wird über das Hören gelernt. Sprechen lernen und können braucht seine Zeit. 

Lesen lernen ist mühsam

Auch Lesen können braucht seine Zeit. Das Kind muss lernen, Buchstaben und Worte zu Sätzen zusammenzufügen. Das ist mühsam. Und was mühsam ist, macht Kindern - nicht nur bei Lesen und Schreiben - zunächst einmal keinen Spaß. 

Vorgelesen bekommen ist schön

Kinder lieben es, vorgelesen zu bekommen, Geschichten zuzuhören. Denn im Kopf entstehen Bilder dabei. Was Kindern heute weitgehend fehlt, ist ein vergnügliches Vorgelesen bekommen. Denn die vorlesenden Eltern oder Großeltern gibt es immer weniger. Es fehlt ihnen die Zeit (was nicht immer stimmt). Die Vorlesestudie 2016 von Stiftung Lesen zeigt, dass neun von zehn Kindern das Vorlesen lieben, dass besonders Kinder, denen wenig vorgelesen wird, es sich wünschen, und dass ein Drittel der Eltern zu wenig vorliest. 

Vorlesen steht auch für Gemeinsamkeit, Dazugehören und Geborgenheit. Auch hier zeigt die Studie, dass regelmäßiges Vorlesen das soziale Empfinden und Verhalten von Kindern positiv beeinflusst, dass Vorlesen also gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Von der Sprechplatte zum Hörbuch

Bevor das Buch aufkam, wurden Geschichten durch Erzählen weitergegeben. So blieben sie über Generationen hinweg erhalten. Mit dem Buch kam für die Kinder auch das Vorlesen. Eine andere Art, vorgelesen zu bekommen, ist das Anhören von Hörbüchern. 

Die Geschichte des sprechenden Buchs ist so alt wie die Schelllack-Platte selbst. Schon mit ihrem Aufkommen gab es sogenannte "Sprechplatten“, Vorgänger der heutigen "Hörbücher“. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte das Hören mit den "Hörspielen“ im Radio eine Blütezeit, bis das Radio-Hören vom Fern-Sehen verdrängt wurde. In den 1970er Jahren wurden die "Kinderkassetten“ mit Titeln wie Heidi und Biene Maja, Jim Knopf und Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und vielen anderen dank der "tragbaren Grammophone“ - den Kassetten-Recordern - der Hit einer ganzen Kindergeneration, auch wenn es sich auf diesen Tonträgern meist um Hörspiele, weniger um Hörbücher handelte. 

Zeit besser nutzen

In Anlehnung an das in Amerika unter dem Slogan "Double Your Time“ populär gewordene "Audiobook" kam es auch im deutschsprachigen Raum zur Einführung des "Hörbuchs", das  sich mit der Zeit auf dem Buchmarkt immer mehr durchsetzte. Der Slogan "Verdoppele deine Zeit!“ erfüllt sich, wenn man zum Beispiel bei längeren Reisen, beim Joggen oder in Wartezimmern die "leere“ Zeit sinnvoll nutzen will. Man kann auf diese Weise eine fremde Sprache erlernen, sich fortbilden oder Literatur kennen lernen. Auch Kinder haben neben dem Spaß am Hörbuch seine Nützlichkeit erkannt. Hören - im Gegensatz zum Fernsehen - lässt sich nämlich auf einfache Weise mit anderen Tätigkeiten verbinden: man kann einer schönen Geschichte zuhören und zur gleichen Zeit spielen oder malen oder bei längeren Autoreisen aus dem Fenster gucken. Und man kann das Hörerlebnis gleichzeitig auch mit anderen Kinder teilen.

Die Lesefaulheit der Kinder

Ständig wird die Lesefaulheit der Kinder beklagt, die gar nicht so groß ist, wie behauptet wird. Und unter dem Stichwort "Leseförderung“ werden eine Menge Aktivitäten gegen sie unternommen. Allerdings handelt es sich hierbei mehr um das Erlernen des Lesens, weniger um die Vermittlung von Freude an ihm. Denn dass mit dem Lesen lernen gleichzeitig auch Freude an Büchern geweckt wird, ist meist eine Illusion. So lange Lesen mit Mühen verbunden ist, so lange entsteht am Lesen keine Freude. Auch nicht an lustigen oder spannenden Geschichten. Aber warum sind Kinder lesefaul? Weil Lesen anstrengend ist, wenigstens so lange, bis man es gut kann. Fernsehen ist nicht anstrengend und Computerspiele sind es auch nicht. Und so lange Lesen mit Mühen verbunden ist, so lange werden Bücher von Kindern als eine andere Art von Schulbüchern angesehen und machen wenig Spaß.

Lesefreude durch Hörfreude

Neben dem Lesen lernen und Lesen können muss gleichzeitig die Freude an Geschichten geweckt werden, denn das Kind will wissen, wozu sich Lesen eigentlich lohnt. Freude an Büchern entsteht vielfach durch Freude am Hören. Was man gerne gehört hat, will man auch lesen können. Wenn einen etwas interessiert, dann will man es auch können, will man es auch tun. Viele Kinder sind erst über das Hören zum Lesen gekommen. Mit einem Hörbuch kann also genauso wie mit Vorlesen Lesefreude geweckt werden.

Sprechen lernen durch Hören

Wer lesen kann, muss nicht auch schon gut sprechen, sich verständlich ausdrücken können. Mit dem Anhören von Hörbüchern wird das Sprechen, die Fähigkeit zum Gespräch ganz wesentlich gefördert. In vielen Familien gibt es nur noch wenige gemeinsame Mahlzeiten und damit die Möglichkeit des Gesprächs. Bei der oft einzigen Mahlzeit am Abend läuft meist auch noch der Fernsehapparat. Gespräche reduzieren sich auf den Austausch einzelner Worte und von Satzfetzen. Und auch auf dem Schulweg oder Schulhof erfolgt die Kommunikation nicht anders, und nicht nur dort, wo deutschsprachige Kinder mit anderssprachigen Kindern zusammen kommen. Die alles führt dazu, dass sich viele Kinder heute nicht mehr richtig ausdrücken und in der Schule ihr Wissen nicht mehr formulieren können. Es ist, wie ich es bei meinen Lesungen in Schulen immer wieder erlebt habe, als würden Kinder an dem, was sie wissen und sagen wollen, ersticken, weil sie es nicht ausdrücken können. Mit Hörbüchern wird das Sprechen und das Sich-ausdrücken-können gelernt.

Unsere Sprache verkommt zusehends

Nach Ansicht von zwei Dritteln der Bundesbürger droht die deutsche Sprache mehr und mehr zu verkommen. (Immerhin, man ist sich also der Situation bewusst!) Es wird beklagt, dass immer weniger Wert auf eine gute Ausdrucksweise gelegt werde und die befragten Erwachsenen räumen ein, anstößige Worte selbst zu verwenden. Als Ursachen hierfür werden angeführt, dass weniger gelesen und mehr ferngesehen wird, dass der Einfluss anderer Sprachen auf die deutsche Sprache stark zunimmt und dass ganz allgemein weniger Wert auf gute Ausdrucksweise gelegt wird. Das betreffe vor allem das Elternhaus, die Schule, die Medien und die Kommunikation per SMS oder E-Mail. 

Sprachfreude durch Hörfreude

Über das Hörbuch erschließt sich den Hörern nicht nur der Sinn einer geschriebenen Geschichte, sondern sie nehmen auch ihre Muttersprache als Schriftsprache wahr. Damit erfahren sie einen Zugewinn an Sprachkompetenz. Kinder, denen nicht vorgelesen wird (oder die nicht hören dürfen), sind beim Erwerb von Sprach- und Konzentrationsfähigkeit massiv benachteiligt. 

Der Zugewinn erwächst auch aus der Vielfalt und Schönheit der Muttersprache, ihrer Farbigkeit und Originalität, der Verschiedenheit und Ungewöhnlichkeit des Ausdrucks. Manche Texte wollen einfach laut gesprochen werden. Es ist ein Genuss, professionellen Sprechern zuzuhören, zum Beispiel einer Anna Thalbach oder einem Rufus Beck.

Man sollte Kinder daher möglichst viel hören lassen. Auch kann man sie anleiten, gleichzeitig mit dem Hören eines Buches in ihm mitzulesen, was auch im Unterricht geschehen kann. Dadurch wird die Freude an der Geschichte erhöht. Auch erfahren Kinder, wie viele Ausdrucksmöglichkeiten eine Stimme hat, und wie man mit ihr Sprache verändern kann. Schließlich wird die Fähigkeit gefördert, das Gehörte sprachlich "schön“ wiederzugeben. In den Schulen also sollten nicht nur Bildschirme und Computer einziehen, sondern auch Hörstationen.

Das Buch braucht das Hörbuch. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass der Satz, "wer hört, der liest nicht“, unsinnig und für das Lesen geradezu kontraproduktiv ist. Nicht nur, weil er an der Realität des heutigen Kommunikationsverhaltens vorbeigeht, sondern auch den Stellenwert des Hörens für Sprechen, Lesen und Schreiben völlig unterschätzt. Lässt man Kinder mehr hören, dann werden sie auch mehr lesen, einfach deshalb, weil das Hören Lust auf Lesen macht. Und sie werden wie von selbst lernen, besser zu sprechen und sich verständlicher auszudrücken. Die Lust auf Lesen kommt dann ganz von alleine und später auch die Freude an Literatur.

(Klaus Heilmann hat zwischen 2003 und 2009 an mehr als 300 Schulen vor über 2.000 Schulklassen und rund 65.000 Kindern aus seinen Kinderbüchern gelesen.)