Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
14
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01
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2017

Natur gegen Chemie - ein Missverständnis

Viele Menschen heute lehnen chemische Arzneimittel ab, weil sie glauben, dass sie mit zu vielen Nebenwirkungen belastet seien, und wenden sich Naturheilmitteln zu, von denen sie sich Nutzen ohne Schaden erwarten. Der von der Alternativmedizin und Bio-Bewegung sowie einer sie unterstützenden Werbung ausgelöste und sie unterhaltende Kampf Natur gegen Chemie wird in kaum einem Bereich so heftig geführt wie in dem unserer Medikamente und Lebensmittel. Was biologisch ist, ist natürlich, und was natürlich ist, ist gut, so lautet das Credo. In einer 2013 von TNS Infratest durchgeführten Bevölkerungsbefragung zu Naturheilmitteln aus Sicht der deutschen Bevölkerung gaben 89 % der Befragten an, dass sie Naturheilmittel wegen ihrer guten Verträglichkeit verwenden und 78 %, weil sie ausschließlich natürliche Bestandteile enthalten.

Die Heilbehandlung mit Pflanzen (Phytotherapie) gehört zu den ältesten medizinischen Therapien und ist in allen Kulturen bekannt. Sie baut auf Erfahrungswerten, überliefertem Wissen und kulturellen Traditionen auf. In ihr kommen Pflanzen oder Teile daraus (Blüten, Samen, Wurzeln u.a.) als Arzneistoffe zur Anwendung, ihre chemische Isolierung wird nicht angestrebt. Was in der Phytotherapie wirkt, sind also immer Stoffgemische. Ein Phytopharmakon kann daher verschiedene Wirkungen haben und bei verschiedenen Erkrankungen angewendet werden, aber auch unterschiedliche Nebenwirkungen auslösen. Obwohl der Nutzen vieler Heilpflanzen nicht wissenschaftlich belegt ist, hat die Phytotherapie auch in der heutigen Medizin ihren Stellenwert behalten.

Man muss, so wird gerne gesagt, wegen Kopfweh, seelischer Verstimmung oder einer Erkältung nicht immer gleich zur chemischen Keule greifen, im großen Kräutergarten der Natur sind unendlich viele gesunde Hausmittel gewachsen, die auch helfen können. Einverstanden, nur muss man der Wahrheit halber hinzufügen, dass das, was beim Mittel aus dem Kräutergarten der Natur hilft, eben nichts anderes als Chemie ist. Der menschliche Körper unterscheidet nicht zwischen dem aus der Tollkirsche gewonnenen und dem industriell erzeugten Atropin, so wie er nicht zwischen gentechnisch verändertem und konventionellem Mais unterscheidet. 

Die gegenüber synthetischen Arzneipräparaten zum Ausdruck kommende Chemophobie ist irrational, weil Chemie nicht etwas ist, was separat neben Natur existiert und somit getrennt von ihr betrachtet und beurteilt werden kann. „Natürlich“ ist nicht immer auch „gut“ und nicht immer „ungefährlich“. Alles Natürliche ist gleichzeitig auch chemisch.

Auf dem vermeintlichen Gegensatz von Natur und Chemie baut auch die Werbung auf, besonders im Gesundheits- und Lebensmittelbereich. Red Bull zum Beispiel läßt im Werbefernsehen seine Cola-Dose die Botschaft sprechen: „Ich bin hundert Prozent pures Cola..., weil meine Zutaten hundert Prozent natürlicher Herkunft sind, ganz ohne Chemie“. Nichts gegen die Botschaft, aber die Zutaten hundert Prozent natürlicher Herkunft sind nun einmal hundert Prozent Chemie, auch wenn sie nicht synthetisch erzeugt sondern aus der Natur gewonnen wurden.

Nicht nur von der Werbung, auch von den Konsumenten selbst wird den Präparaten der Natur der Nutzen und werden den Produkten der Chemie die Risiken zugeordnet. Aber diesen Gegensatz von Natur und Chemie gibt es nun einmal nicht, beide stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Was bei beiden wirkt ist nichts anderes als Chemie. Alles um uns herum ist Chemie - Chemie ist eine Realität des Lebens.