Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
24
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10
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2016

Medizinischer Fortschritt

In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, die das Institut YouGov im Auftrag des Versicherers Canada Life in Kanada und den USA, Deutschland und Irland zu Zukunftschancen und -Risiken in den kommenden zehn Jahren kürzlich durchgeführt hat, wurden von allen Befragten im "medizinischen Fortschritt" die größten Chancen gesehen. Fragen wir daher, was ist das eigentlich, der medizinische Fortschritt, dem allseits so große Hoffnungen entgegengebracht werden? 

Das erste Sulfonamid wurde 1935 eingesetzt, der erste Patient mit Penicillin 1942 behandelt, die erste Bypass-Operation 1961 in Amerika vorgenommen. So wie mit diesen bedeutenden ersten Errungenschaften der wissenschaftlichen Medizin wird auch mit dem Herzschrittmacher, der Herz-Lungen-Maschine und der Blutdialyse, mit künstlichen Augenlinsen und Kunststoffgelenken sowie mit neuen Medikamenten und Impfstoffen das verbunden, was allgemein unter medizinischem Fortschritt verstanden wird. Und kein Zweifel kann daran bestehen, dass mit diesen medizintechnischen Errungenschaften wie auch mit chemisch-pharmazeutischen Innovationen beeindruckende Leistungen erzielt wurden, von denen der Einzelne profitiert hat, denn seine Lebensqualität und individuelle Lebenserwartung wurden verbessert. Wohlgemerkt der Einzelne, denn zum Gesundheitszustand der Bevölkerung im Ganzen und der allgemeinen Lebenserwartung haben diese Entwicklungen, also das, was allgemein unter dem medizinischen Fortschritt verstanden wird, nur relativ wenig beigetragen. 

Wenn sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Lebenserwartung für Neugeborene um mehr als 30 Jahre erhöht hat, so ist dies nur sehr bedingt diesem Fortschritt zuzuschreiben. Zu den wichtigsten Faktoren, die dies bewirkt haben, zählen verbesserte Hygienemaßnahmen und allgemeine medizinische Versorgung, genügende und gesündere Ernährung, Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Einzelnen wie im Ganzen so wie ein gestiegener Bildungsstand und damit ein verbessertes Gesundheitsbewusstsein. Auf einen Nenner gebracht kann man sagen, dass günstige materielle Lebensbedingungen die Voraussetzung für gute Gesundheit und damit ein langes Leben sind. 

Auch in Zukunft werden medizinische Fortschritte im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Entwicklungen und sozialen Errungenschaften eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Kein Zweifel aber kann daran bestehen, dass von verbesserter Aufklärung und damit einem besseren Verständnis der Menschen für vernünftiges gesundheitliches Verhalten und Änderungen des Lebensstils wichtigere Impulse für Gesundheit und Lebenserwartung ausgehen werden als von der Medizin selbst, und dass dadurch wahrscheinlich mehr Geld im Gesundheitsbereich eingespart werden kann als durch staatliche Reformen.