Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
20
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10
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2016

Zur Psychologie des Risikos

Wisst, schon immer war Sicherheit des Menschen ärgster Feind (William Shakespeare, Macbeth)

Die Risiken des Lebens sind mannigfaltig. Sie können freiwillig sein, wie Rauchen und Motorradfahren, oder unfreiwillig, wie das Leben in Abgasen. Ob freiwillig oder unfreiwillig, jegliche Inkaufnahme von Risiko beinhaltet die mehr oder weniger große Wahrscheinlichkeit, dass die Lebensqualität vorübergehend oder für immer beeinträchtigt wird, man körperlichen Schaden nimmt oder vorzeitig stirbt.

Sozialpsychologische Erkenntnisse zeigen, dass menschliches Verhalten weniger durch Fakten als vielmehr durch Hoffnungen und Ängste, Glauben, Wunschvorstellungen, Aversionen und dergleichen beeinflusst wird. Die Einstellungen der Menschen zu den Chancen und Risiken des heutigen Lebens sind deshalb vor allem von Empfindungen geprägt, wobei es je nach sozialem und kulturellen Umfeld große Unterschiede geben kann, denn Menschen neigen dazu, das Verhalten von anderen in ihrer Umgebung zu übernehmen.

Risikoverhalten. Es gibt Risiken, die hoch sind, und solche, die es nicht sind, aber als hoch empfunden werden. Die Einnahme von synthetischen Arzneimitteln stellt im allgemeinen ein geringes Risiko dar, wird aber von vielen als ein hohes angesehen, wohingegen die Anwendung von pflanzlichen Arzneimitteln für unbedenklich gehalten wird, aber durchaus mit Risiken verbunden ist.

Menschen verhalten sich gegenüber bekannten, schwerwiegenden und häufigen Risiken unbekümmert bis gleichgültig, während sie bei geringen und seltenen Risiken leicht in Panik verfallen. Ungewöhnliche Ereignisse interessieren mehr als solche, die uns vertraut sind, und Ereignisse, die plötzlich auftreten, lösen mehr Alarm aus als solche, die dies nicht tun. 

Wird eine große Gruppe von Menschen Opfer eines einzelnen Ereignisses oder einer gleichen Ursache - zum Beispiel eines Busunfalls oder eines Arzneimittels - so wird dies als Katastrophe empfunden, während der Tod der gleichen Zahl von Menschen durch Ereignisse zu verschiedenen Zeiten oder durch verschiedene Ereignisse wie unterschiedliche Krankheiten keine Aufmerksamkeit auslöst. Würde bei uns während eines Jahres täglich ein voll besetzter Jumbojet abstürzen, so würden die Menschen vermutlich das Fliegen aufgeben, obwohl die Zahl der Opfer genau die gleiche ist, die das Zigarettenrauchen in einem Jahr fordert.

Aus Beobachtungen des Verhaltens bezüglich der Annahme oder Ablehnung von Risiken wissen wir nun, dass die Mehrzahl der Menschen zu bestimmten Gefahren eine ganz bestimmte Meinung oder Einstellung hat und bestimmten Verhaltensmustern folgt: 

Freiwillige Risiken. Wird ein Risiko freiwillig übernommen, wie beispielsweise das Fahren im eigenen Auto, ist man bereit, ein wesentlich höheres Risiko zu akzeptieren als bei Benützung eines öffentlichen Verkehrsmittels. Und kaum ein Autofahrer vergegenwärtigt sich beim Einsteigen in seinen Wagen die zehn Menschen, die im Schnitt täglich in Deutschland im Straßenverkehr ums Leben kommen. 

Freiwillig in Kauf genommene, die Gesundheit schädigende und die Lebenserwartung verkürzende Risiken, wie sie aus Falschernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und Alkohol resultieren, werden relativ leicht akzeptiert oder unbewusst verdrängt. Wenn etwas Spaß macht, fällt es eben leicht, die damit verbundenen Risiken außer Acht zu lassen, umso mehr, wenn angenommen wird, dass sich die gesundheitlichen Konsequenzen oder der Tod erst eines fernen Tages einstellen werden.

Freiwillig akzeptierte Risiken werden bei gleicher statistischer Verlustrate wesentlich geringer eingeschätzt und eher angenommen als aufgezwungene. Zwischen den Schadstofffreisetzungen von Zigaretten und denen von Müllverbrennungsanlagen besteht also ein erheblicher Unterschied. 

Risiken, die man durch sein eigenes Verhalten beeinflussen zu können glaubt, wie beispielsweise das Lenken eines Automobils, werden als geringer eingeschätzt und ent-sprechend eher hingenommen als solche, die vom Können oder der Entscheidung Dritter abhängen. Sogar Unfallstatistiken ändern an der hohen Risikoakzeptanz des Automobils nur wenig, weil das eigene Können und Geschick meist als hoch, das der anderen aber als niedrig eingeschätzt und somit gefolgert wird, dass sich das Risiko auf die anderen bezieht, nicht auf einen selbst. 

Für den Menschen als individualistisches Wesen spielt es also eine große Rolle, ob er eine Gefahrensituation freiwillig auf sich nimmt oder ob er ihr unfreiwillig ausgesetzt wird. Bei einer freiwillig in Kauf genommenen Unternehmung steht stets der mit ihr verbundene Nutzen - was auch immer als solcher angesehen wird - im Vordergrund, während die Risiken als unerheblich erachtet oder verdrängt werden.

Unfreiwillige Risiken. Ganz anders das Verhalten gegenüber unfreiwilligen Risiken. Wer unfreiwillig einer mit Risiko verbundenen Entwicklung ausgesetzt ist, erkennt nicht den zu erwartenden Nutzen und sieht nur den drohenden Schaden. Eine große Zahl von Opfern - zum Beispiel eines Arzneimittels - schockiert mehr als die gleiche Zahl von Opfern durch ein freiwillig akzeptiertes Risiko, wie den Alkohol. Wir waren - zu Recht - entsetzt über 10.000 durch Contergan missgebildete Kinder, aber kaum jemand spricht von den mehr als 10.000 Kindern, die jährlich bei uns durch Alkohol geschädigt zur Welt kommen.

Bei Gefahren, denen gegenüber man sich als hilflos empfindet und gegen die auch keine eigenen Gegenmaßnahmen möglich sind - wie bei der Kern- oder Gentechnik -, wird der Schaden verständlicherweise hoch eingeschätzt und der Nutzen gering. Auch die öffentliche Akzeptanz einer Technologie wird davon beeinflusst, ob man sie freiwillig akzeptiert oder ihr unfreiwillig ausgesetzt ist, vor allem aber davon, ob nur wenige von ihr einen Nutzen und viele den Schaden haben. 

Insgesamt kann also gesagt werden, dass Risiken - bekannte wie unbekannte, freiwillig wie unfreiwillig eingegangene - vor allem deshalb unterschiedlich eingeschätzt werden, weil die Furcht vor ihnen weniger von ihrer tatsächlichen Größe abhängt, als vielmehr davon, wie sie vom Einzelnen empfunden werden. Man kann somit von der Annahme ausgehen, dass die individuelle Risikoabschätzung eher auf Angst und Furcht als auf Statistik und Fakten beruht.

Angst, Furcht und Sorge. Gefahren und Risiken lösen Ängste, Furcht und Sorgen aus. Angst empfindet der Mensch als ein diffuses Gefühl der Gefährdung. Evolutionsgeschichtlich kommt ihr die wichtige Funktion eines unsere Sinne schärfenden Schutzmechanismus zu, der in einer Gefahrensituation - sei sie tatsächlich oder vermeintlich - eine augenblickliche Reaktion -  Abwehr oder Flucht - auslöst. Auch wenn Angst nicht angeboren ist, so bringt doch jeder Mensch eine für ihn typische Angstdisposition von Geburt an mit, die ein Leben lang erhalten bleibt, aber durch entsprechende Lernprozesse auch erheblich verändert werden kann. Ängste können auf verschiedene Weise gelernt werden, etwa durch eigene Erfahrung (Konditionierung), durch Beobachtung fremden Verhaltens oder durch Instruktion, zum Beispiel Warnhinweise. Jede Art von Angst kann aber auch vergessen und verdrängt werden. 

So wie Angstprozesse für den Menschen lebensnotwendig sind, so sind es auch die Prozesse der Verdrängung. Neben der Fähigkeit, Risiken zu erkennen, gehört zur menschlichen Natur auch die Fähigkeit und Neigung, Unerwünschtes zu verdrängen. Einerseits führen verdrängte Risiken oft zu den größten Katastrophen, andererseits ist die Fähigkeit und Neigung des Menschen, Unerwünschtes zu verdrängen, für ihn genauso lebensnotwendig wie die Prozesse der Angst. Denn wer die Wirklichkeit des täglichen Lebens und die immanente Bedrohung seiner eigenen Existenz beständig und reflektierend vor Augen hätte, würde darüber den Verstand verlieren.

Furcht ist im Gegensatz zum diffusen Angstempfinden ein Gefühl konkret fassbarer Bedrohung, der zu begegnen oder die zu vermeiden es gilt. Vor allem durch das eigene Erleben von Gefahr entsteht Furcht vor ihr. Sie ist also rational begründbar, kommt der Wirklichkeit nahe und ist der Gefahr weitgehend angemessen. Sie wird deshalb auch als „Realangst“ bezeichnet.

In den Sorgen wiederum werden die Ängste des Menschen vor Gefahren, Krankheit oder materieller Not gedanklich und emotional vorweggenommen und drücken sich dann in seinem Denken, Fühlen und Handeln aus. Die allbekannte „German Angst“ ist also nicht eigentlich eine Angst sondern eine Sorge, ein kollektives, zukunftsgerichtetes Gefühl, dass etwas Unerfreuliches kommen könnte. Derartige Gefühle sind in Bezug auf die Themen - seien es Terror, Altersarmut oder Klimawandel - variabel und situationsbedingt und können national sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Ängste, ob rational oder irrational, sind für den Menschen wichtig, denn sichere Zeiten und die dadurch bedingten falschen Einschätzungen von Gefahren bergen Risiken. Wird der Mensch aber nicht mehr ständig Gefahren ausgesetzt, wähnt er sich in Sicherheit, verlernt er Angst und verliert damit sein Gefühl für Gefahren. Je sicherer wir uns fühlen, desto unsicherer leben wir. Angst zu haben ist also etwas ganz Normales. Angst ist unsere eingebaute Alarmanlage, die dafür sorgt, dass wir in Gefahrensituationen blitzschnell informiert werden und reagieren können. In einer immer komplizierter werdenden Welt würden wir nicht überleben, könnten wir nicht Ängste entwickeln. Ohne Angst lernen wir nicht, uns vor einer Gefahr zu fürchten und gibt es keine Vorsicht. Bewahren wir uns also unsere Ängste, denn Angst ist - entgegen dem Sprichwort - ein guter Ratgeber! 

Ängste werden heute im Gegensatz zu früher durch den Einfluss der Medien und über die sozialen Netze sehr viel rascher und weiter verbreitet, aber auch überhöht und vervielfacht. So entstehen Wellen der Aufmerksamkeit für wechselnde Themen wie Epidemien, Erderwärmung oder Radikalismus jedweder Couleur, die je nach Thema und Zeitgeist kurz- oder langlebig sind. Und da die Themen von Industrie und Wirtschaft, Kontrollbehörden und Bürgerorganisationen sowie der Politik immer in einem bestimmten Interesse oder mit kalkulierter Absicht verbreitet werden, sind sie nie gleichlautend und können sowohl beruhigen als auch ängstigen. Durch permanente Berichterstattung bleiben sie in der Bevölkerung wach und können beim Bürger das Gefühl erzeugen, auch permanent Gefahren ausgesetzt zu sein. Der durch ständig neue Schreckensmeldungen beunruhigte Mensch sucht dann nach Nachrichten, die ihm die Berechtigung seiner Ängste bestätigen. In Abhängigkeit vom konsumierten Medium entwickeln sich unterschiedliche und diffuse Gefühle der Gefährdung, der BILD-Leser hat andere Ängste als der FAZ-Leser, wer die TAGESSCHAU sieht hat andere als wer RTL-aktuell sieht.

Risikobereitschaft. Eigentlich strebt der Mensch nach Sicherheit und Geborgenheit. Hat er diese aber, strebt er auch nach Spaß, Lust und Genuss, oder nach Abenteuer und Wagnis, und geht um so größere Risiken ein, je sicherer er sich fühlt. Auch wenn Begriffe wie Risiko, Mut oder Wagnis, Gefahr oder Abenteuer in der Alltagssprache synonym verwendet werden, so haben sie doch eine unterschiedliche Bedeutung. Etwas Wagen und etwas Riskieren ist nicht das Gleiche. Wer in den Bergen klettert - ob unerfahren oder erfahren - setzt sein Leben freiwillig und bewusst aufs Spiel, aber er wagt es nicht. Wenn hingegen Ärzte und Pflegekräfte in Aleppo Kranke und Verletzte behandeln, wagen sie ihr Leben, setzen es aber nicht aufs Spiel.

Lust auf Risiko zeigt sich vor allem im Freizeitbereich, in dem der für den Einzelnen erkennbare Nutzen – Spaß, Freude, Nervenkitzel – eine wichtige Rolle spielt. So verringern die wohlbekannten und teilweise extrem hohen Risiken bei Sport und Spiel kaum deren hohe Akzeptanz. 

Trend-Sportarten wie Mountain-Biking, Drachen- und Gleitschirmfliegen, geben den Kick, bedeuten für den Einzelnen aber auch das vermeintliche Sich-Abheben von einer anonymen Masse.

Extrem-Sportarten, wie Eisklettern, Basejumping, Free- und Speed -Climbing oder Apnoetauchen, die bis in die Nähe der Todesgefahr gehen, haben vor allem mit der narzisstischen Zurschaustellung des eigenen Ichs und heute ganz wesentlich etwas mit Kommerz zu tun.

Lust auf Risiko ist für viele wie das Salz zur Suppe, denn ein gefahrenfreies Leben ist für sie eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Aber während die einen auf Salz fast völlig verzichten, nehmen die anderen wiederum zu viel davon. Dies ist eine ­Frage der persönlichen Einst­el­lung und man sollte es jedem selbst überlassen, wie und wie lange er leben oder wann und auf welche Weise er vorzeitig aus dem Leben scheiden will.