Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
01
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09
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2016

Risiko und Gefahr

"Risiko“ ist wahrscheinlich einer der heute am häufigsten verwendeten und am meisten missverstandenen Begriffe überhaupt. Da es bei uns keine gültige Sprachregelung gibt, wird "Risiko“ meist gleichbedeutend mit "Gefahr“ verwendet, was irreführend und eigentlich auch falsch ist. Gefahr drückt umgangssprachlich die Möglichkeit aus, Schaden zu erleiden, wobei der Eintritt, das Ausmaß und meist auch die Art dieses Schadens ungewiss sind. 

Im angloamerikanischen Sprachraum kennt man ebenfalls zwei Risikobegriffe – "risk", das Risiko und "hazard", die Gefahr – , dort werden sie aber meist unterschiedlich angewendet und nicht gleichgesetzt. Ein Löwe - um es an einem Beispiel klar zu machen - stellt für den Menschen eine Gefahr dar, sich ihm zu nähern ist mit Risiko verbunden. Je näher man ihm kommt, umso größer wird dieses. Während die Größe der Gefahr gleich bleibt, kann sich die Größe des Risikos ändern. Risiko ist somit veränderbar. Sich im Zoo einem Löwen hinter Gittern zu nähern birgt weniger Risiko, als gleiches in freier Wildbahn zu tun. Die Gefahr kann also beherrscht werden, wie hier durch einen Käfig, wenn auch nicht absolut, denn die Gitterstäbe könnten irgendwann zu schwach werden. Es verbleibt also ein Restrisiko. Oder: Ein  Atomkraftwerk stellt eine Gefahr dar, nicht ein Risiko. Das Risiko besteht darin, dass das Reaktorgebäude einer Kernschmelze oder Einwirkungen von aussen nicht standhält. Es kann berechnet und durch entsprechend dicke Stahlbetonwände reduziert werden. Aber nicht hundertprozentig, wie Tschernobyl und Fukushima uns gezeigt haben.

Entsprechend den zwei Komponenten, die eine Gefahrensituation charakterisieren - der Wahrscheinlichkeit, dass sie eintritt, und der Schwere beziehungsweise dem Ausmaß des hierbei entstehenden möglichen Schadens -, ist Risiko für die meisten Experten eine zweidimensionale Größe: Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadensausmaß. Während sich die Experten vor allem für den einen Aspekt des Risikos interessieren, die Eintrittswahrscheinlichkeit, steht beim Laien das Schadenausmaß als Sorge im Vordergrund. Schaden bedeutet für den Einzelnen immer irgendeine Art Verlust, sei es an Gesundheit, Lebenserwartung, Geld, Besitz oder einer anderen Lebensqualität. Leider stecken in jeder Gefahrensituation Ungewissheiten in mehrfacher Hinsicht: Ungewiss ist, in welcher Höhe Sachschäden entstehen und ob auch Menschen betroffen sein werden, welche Personen es sein werden und ob man selbst dazu gehören wird. Vor allem aber bleibt ungewiss, ob das Unerwünschte überhaupt geschieht und wenn ja, wann? Auch das unwahrscheinlichste Ereignis kann morgen eintreten.

Diese große qualitative und quantitative Ungewissheit ist es, die es unmöglich macht, Risiken im Voraus zu "berechnen". Sie lassen sich höchstens aufgrund von Vergangenheitsereignissen - also empirisch – oder auf Grund von Modellstudien - also Expertenmeinungen - schätzen.