Klaus Heilmann
Autor
Publizist
Risikoforscher
Klaus Heilmann am
16
.
06
.
2016

Unabhängige Wissenschaftler

Immer wieder wird von Kritikern des technischen Fortschritts die Forderung erhoben, Forschungsergebnisse durch unabhängige Wissenschaftler überprüfen zu lassen. Dem Bürger, der von alledem nichts versteht, leuchtet diese Forderung natürlich ein, ebenso den investigativen Medien, die sich als Beschützer des unwissenden und gefährdeten Bürgers sehen. Aber gibt es das überhaupt, den unabhängigen Wissenschaftler?

Wissenschaftler arbeiten in zwei grundsätzlich unterschiedlichen Forschungsbereichen: Der Grundlagenforschung, mit der Basiswissen erarbeitet wird, und der Zweckforschung, die sich mehr anwendungsorientierten Aufgaben widmet und damit vorrangig eine wirtschaftliche Nutzung verfolgt. Industrieforschung ist praktisch immer Zweckforschung. 

Bei der Forderung nach Kontrolle von Forschungsergebnissen durch unabhängige Wissenschaftler fällt auf, dass für Kontrollbehörden, Industriekritiker und Medien stets diejenigen Wissenschaftler und Institute als unabhängig betrachtet werden, die sich industriekritisch zeigen. Offenbar wird davon ausgegangen, dass diese Wissenschaftler mit ihrer Industrieunabhängigkeit der Wahrheit eines Sachverhalts näher kommen. Aber Unabhängigkeit ist nicht alles, unabhängig ist nicht gleichbedeutend mit objektiv und neutral - objektiv im Sinne von unvoreingenommen und neutral im Sinne von unparteiisch. Als Person kann man unabhängig und trotzdem in seiner Arbeit nicht neutral und objektiv sein. Ich selbst bezeichne mich als unabhängig aber nicht als neutral. Unabhängig, da ich niemandem angehöre. Neutral bin ich nicht, da ich als Naturwissenschaftler in innovativen Technologien und neuen Techniken neben den Risiken vor allem die Chancen sehe, weil ich weiß, dass ohne das Ergreifen von Chancen weiterer Fortschritt weder erzielt noch der bereits erreichte aufrechterhalten werden kann.

Doch warum nun sind die Nachprüfungen unabhängiger Experten oftmals nicht viel mehr als Schönfärberei? Treten zum Beispiel bei den klinischen Prüfungen eines neuen Arzneimittels Zweifel bezüglich zu guter Ergebnisse auf, dann werden auch bei den unabhängigen Wissenschaftlern, die diese Ergebnisse überprüfen sollen, die Zweifel derer, von denen sie zur Überprüfung aufgefordert werden, in das Ergebnis ihrer Betrachtungen eingehen. Und damit sind auch diese Wissenschaftler nicht wirklich unabhängig, denn auch sie können sich nicht unabhängig von der Erwartung ihrer Auftraggeber machen, die für zu gut befundenen Ergebnisse in Frage zu stellen. Auch sie unterliegen einem Zwang - in diesem Fall dem Zwang zur negativen  Beurteilung.

Wenn also die Forderung erhoben wird, Forschungsergebnisse –  wie hier die Ergebnisse klinisch-pharmazeutischer Studien – von unabhängigen Wissenschaftlern überprüfen zu lassen, so muss ganz einfach gesagt werden: Es gibt keine unabhängigen Wissenschaftler, die sowohl neutral sein als auch objektiv urteilen können, denn unterschwellig unterliegen auch sie sowohl ihren eigenen Vorstellungen, Ansichten und Absichten, als auch denen ihrer Auftraggeber.